1. Arrest: Tag 1 von 7

Alexander geht es gut. Bei dem "Märchenbuch" handelt es sich um eine Bibel. Das hatte ich wohl falsch verstanden. Er hat seinen Ausgang von einer Stunde pro Tag und er darf sogar ein wenig telefonieren. Er hat jetzt auch eine Beschwerde bezüglich des Disziplinararrestes gestellt, da er in seinen Augen ja nur nach seinem Gewissen handelt. Mit etwas Glück bekommt er bald sogar seine Bücher wieder, die er dann während des Arrestes lesen kann. Der Soldat der ihn beim Freigang begleitet hat scheint sogar Verständnis für seine Position entwickelt zu haben.

Inzwischen hat die Kampagne auch ihre Presseerklärung veröffentlicht. Sie ist unter folgendem Link zu erreichen:
http://www.kampagne.de/Presse.php

Nacht im Arrest

Alexander hat mich gerade angerufen. Er musste die Nacht im Arrest verbringen. Die Arrestzelle ist normal, wie beschrieben. Er hat alle persönlichen Gegenstände abgenommen bekommen, zur Verfügung steht ihm nur ein Märchenbuch (nachträgliche Anmerkung: es ist eine Bibel gemeint). Aufgrund seiner ersten Befehlsverweigerung hat er 7 Tage Arrest bekommen, der heute Abend anfangen wird. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen auch in der Bundeswehr langsam. Es hat Ewigkeiten gedauert bis seine Sache bearbeitet und der erste Arrest ausgesprochen war.Er nimmt sein Essen dreimal am Tag im selben Raum wie die anderen Soldaten ein. Er wird größtenteils sehr unfreundlich - vor allem von den Vorgesetzten - behandelt. Es gibt aber auch wenige Soldaten, die sich neutral bis nett ihm gegenüber verhalten. Alex versucht alles zu dokumentieren, solange er noch die Möglichkeit dazu hat. Während seines Arrestes wird ihm wahrscheinlich auch kein Telefon zur Verfügung stehen, sodass er mir mitteilen musste, dass er nicht weiß, wann er wieder mit mir Kontakt aufnehmen darf. Dennoch werde ich mich sofort melden, wenn ich wieder etwas von ihm höre.

Ankunft in Bad Frankenhausen

Gerade eben hat mich Alexanders Mutter angerufen und mir neue Informationen gegeben. Er wurde direkt um 6:30 Uhr von Bruchsal aus weiter nach Bad Frankenhausen geführt. Ankunftszeit war gegen 11:30 Uhr. Schlaf wurde ihm nur sehr wenig bis gar keiner gewährt. Zu seiner Behandlung meinte er, dass es sehr unterschiedlich sei. Daraus schließe ich, dass man mit ihm teilweise freundlich, teilweise aber auch dreckig umgegangen ist. Er wurde auch direkt nach seiner Ankunft arrestiert. Wie es ihm geht hat er nicht gesagt, aber ich denke, dass sich diese Frage jeder selbst beantworten kann, wenn man davon ausgeht, dass man aufgrund einer Gewissensentscheidung als Schwerverbrecher behandelt wird.

Besuch der Feldjäger

Kurz zu mir: Ich bin der angesprochene Freund von Alexander, der jetzt die Führung der Seite übernehmen wird, da er, verständlicherweise, gerade verhindert ist.

Gestern war es dann "endlich" soweit. Gegen 23:30 Uhr standen die Feldjäger vor Alexanders Türe und "baten" ihn mitzukommen. Ihm wurde freundlicherweise noch die Zeit eingeräumt seine Sachen zu packen und sich von seiner Familie zu verabschieden. Außerdem rief er mich kurz an um mir ebendiese Dinge, die ich jetzt schreibe, zu berichten. Er wurde, aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und der 450Km großen Entfernung zum Einberufungsort, zuerst nach Bruchsal verlegt und wurde wohl im Laufe des heutigen Morgens weiter nach Bad Frankenhausen geführt, wo er wohl direkt arrestiert wurde. Da ich seit dem angesprochenen Anruf gestern Nacht nichts mehr von ihm gehört habe, ist dies der aktuelleste Stand. Sobald es Neues gibt, werde ich mich sofort wieder melden.

Im Westen nichts Neues

Ja, so lautet der Titel eines Buches von Erich Maria Remarque. Ich weiß, dass der Satz dort anders verwendet wird, aber zu meiner Situation passt er auch, denn: Es gibt nichts wirklich Neues. Ich habe immernoch nichts Weiteres von der Bundeswehr gehört.
Laut Artikel 16 des Wehrstrafgesetzes dürfte ich nun seit guten 24 Stunden als fahnenflüchtig gelten. Normalerweise sollten jetzt die Feldjäger nach mir suchen, doch von denen hab ich bisher noch nichts gehört. Tja, so ist das wohl mit den Tugenden bei der Bundeswehr...von Pünktlichkeit scheint man dort nicht viel zu halten.

P.S.: Das Buch ist wirklich empfehlenswert ;)

Stunde Null

Tja, jetzt ist es bald 16:00 Uhr und dann sind es volle 72 Stunden, die ich eigenmächtig "meiner Truppe" ferngeblieben bin. Theoretisch sollte es ab diesem Zeitpunkt möglich sein, dass hier Feldjäger auftauchen und mich abführen. Sie werden mich dann vermutlich zur Kaserne in Bad Frankenhausen bringen.

Hier die Adresse der Kaserne:

Rekrutenkompanie 5
Seehäusterstraße 60
06567 Bad Frankenhausen

Telefon: 034671 530

Webseite: http://www.bad-frankenhausen.de/de/bf-port/kaserne.shtml

Falls ich dann wirklich abgeholt werde und dorthin gebracht werde, wird man es hier recht schnell erfahren.
Sollte ich dann dort arrestiert werden kann jeder gerne dort anrufen oder einen Brief dorthin schicken, ich (und sicher auch meine Vorgesetzten) freue mich über jeden Einzelnen von euch :)
Fragt einfach nach Alexander Hense.

T minus 24 Stunden

Es ist jetzt etwa 48 Stunden nach dem Zeitpunkt, der für meine Einberufung festgelegt war. Bis 16:00 Uhr in der Kaserne bei Bad Frankenhausen am 2. Juli 2007 hieß es. Eigenmächtige Abwesenheit zählt Wehrstrafgesetz nach 72 Stunden der Abwesenheit. Ich hab also vermutlich noch etwa 24 Stunden, bis die Feldjäger losgeschickt werden oder auch schon direkt vor der Tür stehen.
Seit gestern hat sich übrigens niemand mehr von der Bundeswehr bei mir gemeldet. Ich hab lediglich einen Brief im Briefkasten gefunden, der nähere Informationen zur Einberufung enthielt. Darin stand, wie toll meine Vorgesetzten es finden, dass wir bald zusammen eine Ausbildung machen können. Wie toll es doch sei, bei der Bundeswehr jede menge tolle Sachen zu lernen usw. usf. Irgendwann stell ich den Brief vielleicht mal online, damit sich jeder mal ein Bild davon machen kann, wie absurd sowas aussieht und sich liest.

Biographisches Element: Meine Totalverweigerung

Heute möchte ich ein paar Worte über meinen "Werdegang" bei der Bundeswehr los werden. Ich werde euch zuerst eine
kurze Vorgeschichte zu mir und meiner Einstellung liefern. Anschließend könnt ihr dann ein Dokument lesen, das über meine Einstellung gegenüber der Wehrpflicht aufklärt.
Angefangen hat das alles irgendwann vor etwa einem Jahr. Ich erhielt einen Brief, der mich zur Musterung im Kreiswehrersatzamt Karlsruhe berief (ich hatte schon fast ein Jahr vorher einen Erfassungsbescheid bekommen). Damals hatte ich schon einen riesigen Hass auf diese ganze Sache, doch ich hatte mir irgendwann überlegt, dass ich es einfach durchziehen werde und diese neun Monate beim Bund absitzen werde. Ich ging also zur Musterung und wurde - wie zu erwarten war - tauglich gemustert (T2). Mein größter Fehler war wohl, dass ich nicht damals schon so gedacht habe, wie heute.
Denn kurze Zeit später kamen mir dann Gedanken. Und ich las verschiedene Dinge über die Wehrpflicht, Wehrgerechtigkeit und (Total)verweigerung. Ich sah Zahlen und mir wurde immer klarer, wie falsch und ungerecht die Wehrpflicht ist. Ich entschied mich schließlich zur Totalverweigerung.
Da ich bisher nichts mehr vom Bund gehört hatte, schrieb ich in den Osterferien dieses Jahres eine E-Mail an einen Sachbearbeiter im Kreiswehrersatzamt Karlsruhe. Ich fragte nach, ob ich denn überhaupt eingezogen werden würde - denn es sei ja bekannt, dass nur ein Bruchteil jeden Jahrgangs geholt würde. Ich hatte in dieser E-Mail auch einen etwas sarkastichen Unterton. Nun, so kam es dann auch, dass ich drei Tage später meinen Einberufungsbescheid im Briefkasten fand. Ich sollte nach 06567 Bad Frankenhausen. Tja, der Sachbearbeiter war wohl ein lustiger Mensch. Bad Frankenhausen liegt in Thüringen und damit etwa 330 Kilometer Luftlinie von meinem Wohnort Nähe Pforzheim, Baden-Württemberg entfernt. Schon komisch, wo doch die Kaserne in Karlsruhe direkt um die Ecke liegt und ich sicher einer der ersten mit Einberufungsbescheid war...
Mein Einberufungstermin war auf den 2. Juli 2007 gelegt - das war gestern. Eben hat eine nette Frau von der Bundeswehr angerufen und mich gefragt, wieso ich nicht aufgetaucht sei. Ich hab ihr die Sachlage der Totalverweigerung einigermaßen erklärt und sie meinte dann, dass wir uns wohl noch hören werden. Deswegen schreibe ich jetzt diesen Bericht hier. Sollte ich in den nächsten Stunden von den Feldjägern abtransportiert werden, dann wird ein guter Freund von mir diese Seite hier für eine Weile lang übernehmen und versuchen so gut, wie möglich über meine aktuelle Lage zu berichten.
Sollte irgendjemand irgendwelche Informationen brauchen, dann wendet euch bitte an ihn. Sein Nickname ist Shadows Friend, ob er euch seinen richtigen Namen sagt ist seine Entscheidung.

Hier noch ein paar wichtige Seiten zum Thema Wehrgerechtigkeit, Wehrpflicht und Totalverweigerung:
http://www.kampagne.de
http://de.wikipedia.org/wiki/Totalverweigerung
http://de.wikipedia.org/wiki/Wehrgerechtigkeit
Ihr könnt auch mal bei google (vor allem google news) nach Jonas Grote suchen, er macht wohl gerade sowas ähnliches wie ich durch und saß schon zwei mal im Arrest, sein Einberufungstermin war der 1. April.

Wenn ihr auf Weiterlesen klickt, kommt ihr zu einer Schrift, die ich verfasst hab. Ich versuche darin meine Einstellung zur Wehrpflicht zu erläutern und klar zu machen, wieso diese so sinnlos ist. Man kann sie auch in verschiedenen Formaten herunterladen.

Von Terroranschlägen, Video- und Online-Überwachung

Es werden wohl die meisten von den versuchten, teilweise vereitelten Anschlägen in Großbritannien mitbekommen haben. Nun kann man sich natürlich denken, dass unser Herr Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nicht lange auf sich warten lässt. So ein Terroranschlag war wohl genau das, was er für seine Propaganda gebraucht hat.
Heise berichtet, wie Schäuble nun versucht diese Situation auszunutzen, um einmal mehr die Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen und die heimliche Online-Durchsuchung durchzusetzen. Auch der Spiegel Online hat einen Artikel zu dem Thema, hier geht es jedoch hauptsächlich um Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die nun auch mehr Überwachung fordert und die Trennung von innerer und äußerer Sicherheit überdenken will - was Schäuble übrigens schon seit Langem fordert.

Schäuble dreht durch

Lest am besten selbst den Artikel bei heise.
Mir fehlen da echt die Worte...
Dieser Mann ist am Ende, er dreht völlig durch. Wie kann man nur pauschal behaupten, dass die eigenen Ideen von Vorne herein nicht verfassungswidrig sind?! "Ich werde unfreundlich, wenn mir Verfassungsbruch vorgeworfen wird", soll der Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) gesagt haben. Soll dieser Satz etwa Alles rechtfertigen?
Ich verstehe echt nicht, wie die CDU in Umfragen immer weiter an Fahrt gewinnen kann. Die SPD mässigt sich in letzter Zeit zum Glück etwas, aber die Leute in diesem Land finden die Vorstellung der Totalüberwachung gut zu finden.
Nun gut, sollen sie sehen, was sie davon haben - ich bin dann hoffentlich schon längst weg von hier.
Ich hör hier jetzt besser auf, mir würden sowieso nur noch Beleidigungen und noch weniger sachliche Kommentare einfallen.

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